Wenn ich mit Neugierigen über das Digitalisieren rede, treffe ich oft auf einen oder mehrere der folgenden Irrtümer:

Irrtum 1: Digitalisieren geht schnell

Viele stellen sich das Digitalisieren so vor, dass man mit ein, zwei Mausklicks eine Grafik in eine Stickdatei verwandelt. So schnell geht das nicht – jedenfalls nicht, wenn man eine qualitativ hochwertige Stickdatei erstellen möchte.

Eine Grafik gut zu digitalisieren dauert je nach Komplexität und Qualität der Grafik mehrere Stunden. Immer dabei ist auch ein Test-Stick – siehe dazu Irrtum Nummer 5.

Irrtum 2: Digitalisieren heißt, eine Grafik im Stickmaschinenformat abzuspeichern

Oft treffe ich auf die Vorstellung, dass Digitalisieren bedeuten würde, eine Grafik zu öffnen und als Stickdatei abzuspeichern. So funktioniert das nicht.

Gerade bei Grafiken, die als Bitmap vorliegen (also im Format *.jpg, *.gif, *.bmp usf), muss die Grafik „abdigitalisiert“ werden – jede Fläche und jede Linie muss „nachgezeichnet werden.

Das braucht seine Zeit (s. Irrtum 1), führt aber zu hochwertigen Stickdateien.

Irrtum 3: Digitalisieren kann man in wenigen Minuten lernen

Wer davon ausgeht, dass man eine Grafik einfach nur in einem anderen Dateiformat abspeichert, um eine Stickdatei zu erhalten, glaubt natürlich auch, dass man das schnell lernen kann.

Da Digitalisieren mehr ist als nur neu abspeichern (s. Irrtum 2) kann man es auch nicht in wenigen Minuten lernen. Die meisten brauchen einige Wochen, um das Grundprinzip zu lernen. Fertig ist man aber nie – jeder Digitalisierer lernt immer noch dazu.

Irrtum 4: Digitalisieren kann man lernen, auch wenn man nichts vom Sticken versteht

Stickereien haben eine Art „Eigenleben“ – durch die vielen Stiche und die vielen gespannten Fäden zieht sich beim Sticken das Trägergewebe (der Stoff, auf den gestickt wird) zusammen. Da hilft nix.

Deswegen verwendet man seit hunderten Jahren Stickrahmen und heutzutage Stickvlies. Dieses Zusammenziehen des Materials aber muss der Digitaliserer im Auge habe. Entscheidend ist nicht, dass die Datei auf dem Bildschirm gut ausschaut, sondern dass sie es gestickt tut. Daher muss man Digitalisierungen probesticken.

Um sauber digitalisieren zu können braucht man Wissen über den Stickprozess.

Irrtum 5: Digitalisieren kann man ohne Stickmaschine

Aus Irrtum Nummer 4 ergibt sich Irrtum Nummer 5: Digitalisierer müssen probesticken. Und das geht nur mit einer Stickmaschine.

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Irrtum 6: Digitalisieren kann man nur als Profi

Gerade gestern habe ich es wieder gehört: „Ich würde auch gerne digitalisieren, habe aber gelesen, dass ich mir diese Mühe besser erspare, da das Ergebnis nicht vielversprechend ist“.

Dieser Irrtum resultiert aus Irrtümern 1 und 3. Digitalisieren kann man nicht mal eben so in wenigen Minuten lernen. Es gibt auch keine Software, die das Digitalisieren quasi auf Knopfdruck erledigt.

Digitalisieren ist immer Handarbeit. Und ja, zu Beginn schafft man keine digitalen Kunstwerke. Wenn man aber Spaß am Digitalisieren hat und bereit ist, Zeit zu investieren, dann kann man auch als Hobby-Sticker wunderschöne Stickdateien erstellen – meine Kursteilnehmer beweisen das immer wieder.

Irrtum 7: Digitaliseren kann man auch ohne PC-Kenntnisse

Zum Digitalisieren verwendet man Digitaliserungs-Software, klar. Es genügt aber nicht, nur diese Software zu beherrschen.

Das Endergebnis einer Digitalisierung ist eine Stickdatei – und die muss gespeichert, wiedergefunden, verschickt, auf die Maschine übertragen werden, aus ihr müssen Grafiken und Garnübersichten erstellt werden, mehrere Dateien müssen gezippt werden usf. PC-Grundkenntnisse sind da Voraussetzung.

Irrtum 8: Um zu digitalisieren, muss man zeichnen können

Als Vorlage zum Digitalisieren benöigt man eine Grafik. Die kann man selber zeichnen, muss aber nicht. Viele gute Digitalisierer könenn nicht wirklich zeichnen.

Wenn man nicht selbst zeichnen kann, nimmt man einfach die Zeichnungen oder Fotos anderer als Vorlage.

(Wenn Sie nicht selbst zeichnen, müssen Sie immer das Urheberrecht beachten! Klären Sie stets, ob Sie die Grafik verwenden dürfen!)

Irrtum 9: Jedes Motiv ist zum Digitalisieren geeignet

Dieser Irrtum hier hängt zusammen mit Irrtum Nummer 4.
Je mehr Details ein Motiv hat, desto größer muss ich es sticken. Oder umgekehrt: Eine Stickdatei mit vielen Details kann ich nicht beliebig verkleinern – eine Stickdatei, die für den großen Rahmen digitalisiert ist, kann ich zwar technisch auf 2 x 2 cm verkleinern – sticken mag das dann aber keiner und erkennen kann man das Motiv dann auch nicht mehr.

Stickdateien erzeugen Stiche und die haben bestimmte Eigenschaften – darauf muss ich beim Digitalisieren Rücksicht nehmen.

Irrtum 10: Zum Digitalisieren braucht man ein Digitalisier-Tablett

Man kann mit einem Digitalisier-Tablett digitalisieren, man muss aber nicht. Es geht auch einfach mit der Maus.